Mit Freuden präsentiere ich Ihnen heute ein außergewöhnliches Lese-Juwel, dass mich vor einiger Zeit sehr beeindruckt hat. Dieser Text braucht Zeit: zum einen, um gelesen zu werden. Und zum anderen, um nachzuwirken. Der Beitrag erschien in der katholischen Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART, Nr. 18 /2011 Freiburg i. Br. 

Unser täglich Fleisch

Die Skandale in der Nahrungsmittelindustrie stellen uns vor zwei Fragen:

Wie wollen wir essen?

Wie gehen wir mit Tieren und Pflanzen um?

Von Michael Schrom

Wir hatten uns zum Angeln verabredet. Der romantische Wunsch, an einsamen Gewässern den Sonnenaufgang zu  erleben, und ein diffuser Jagdtrieb hatten mich veranlasst, die Anglerprüfung abzulegen, und nun schauten wir stundenlang schweigend über den See. Als aber tatsächlich ein Fisch anbiss, war ich völlig überfordert. Der Freund musste ihn fachmännisch betäuben und töten. Es war das erste Mal, dass ich das Schlachten eines Tieres aus nächster Nähe miterlebte.

Am Abend waren die Skrupel vergessen. Der Zander schmeckte hervorragend. Das Mahl und die Tischgemeinschaft waren Rechtfertigung genug, dass die gefangenen Fische ihr Leben lassen mussten. Und dennoch schwebte eine Frage unbeantwortet über dem Grill: Warum muss der Mensch töten oder töten lassen, um sich zu ernähren? Selbst ein Vegetarier muss ja das Leben einer Pflanze beenden oder zumindest deren Samen oder Früchte „stehlen“.

Ist es nicht seltsam, dass die meisten Menschen Appetit auf Fisch und Fleisch haben, dass sie von ihrer Natur aus Allesesser sind, aber zugleich ein natürliches Mitleid empfinden, das sie vor der Tötung eines Tieres zurückschrecken lässt? „Das Stechen des Messers in ein Thier, das Menschenähnliches hat, muss, weil es gegen unsere Natur ist, gelernt, das Gefühl gegen das Mitleiden gewaffnet, das Herz gegen das elende Blöcken und Zappeln und den Schmerz abgestumpft werden“, schrieb schon der Prediger Peter Scheitlin Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem „Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde“.

Unsere industrialisierte Ernährungskultur hat diesen Gedanken weitgehend verdrängt. Wissen wir überhaupt noch, unter welchen Bedingungen die Tiere, die das Schnitzel, das Kotelett oder das Filet für unser Essen liefern, aufwachsen und geschlachtet werden? Wollen wir es überhaupt wissen? Das Nutztier ist aus unserem Alltag fast völlig verschwunden. Millionen Hühner, Puten und Schweine leben in Deutschland, aber kaum einer sieht sie. Die modernen Zucht- und Mastanlagen sind so abgeschottet wie Reinräume in Intensivstationen oder Chipfabriken. Die Schlachthöfe befinden sich am Rande oder außerhalb unserer Städte. In den Dörfern leben kaum noch Bauern.

Zwar ist die Mehrheit der Bevölkerung kritisch gegenüber industrieller Massentierhaltung eingestellt, weil sie ahnt, dass es nicht artgerecht ist, Tieren Bewegung, Sonnenlicht und frische Luft vorzuenthalten, sie auf engstem Raum zusammenzupferchen und ihnen vorsorglich Antibiotika zur Verhinderung von Krankheiten und Hormone zur Beschleunigung des Wachstums ins Futter zu mischen. Seltsam ist nur, dass diese Fragen beim Einkauf, also an der Fleischtheke im Supermarkt oder in der Kantine, regelmäßig verdrängt und ausgeblendet werden. Ist es also doch richtig, dass das Fressen vor der Moral kommt, wie es Bertolt Brecht formulierte? Noch kein Nahrungsmittelskandal hat eine anhaltende Änderung unserer Essgewohnheiten, insbesondere eine Verringerung des Fleischkonsums, bewirkt. Auf dem Höhepunkt der Rinderwahn-Krise wichen die Verbraucher einfach auf Schweine- oder Putenfleisch aus. Die Dioxinbelastung im Schweinefleisch heizte wiederum die Nachfrage nach Rindfleisch an. Und als vor Jahresfrist Dioxin in Bio-Eiern gefunden wurde, wollte der Verbraucher möglichst schnell Eier aus konventioneller Käfighaltung. Jetzt ist es gerade wieder umgekehrt. Die Hysterie erschöpft sich im Allgemeinen im Ruf nach strengeren Kontrollen und dem Rücktritt der zuständigen Minister. Sie verebbt ebenso schnell, wie sie gekommen ist. Über Grundsätzliches wird kaum diskutiert.

Dabei kommen beim Essen viele Fragen zusammen.Es geht um das Schicksal der Nutztiere und darum, wie wir uns dazu verhalten. Es geht um Ernährungsgewohnheiten und um ökonomische Zwänge, um die moralische Frage, was man sich leisten kann und möchte. Es geht um den Erhalt regionaler Kulturlandschaften und um das weltweite Problem der Umweltzerstörung, das durch eine intensive Viehzucht und Mast sowie durch weite Transportwege mitverursacht wird. Schließlich geht es um den extremen Gegensatz von Hungersnot und Überfluss in unterschiedlichen Weltgegenden, um die Gesundheit und die Versorgung der Menschheit weltweit. Kurzum: Mit dem Essen kommen zwangsläufig philosophische, politische, wirtschaftliche, religiöse und ethische Fragen auf den Tisch.

Das ist eine Hühnerfarm

„Nehmen Sie ein Din-A4-Blatt Papier und stellen Sie sich einen ausgewachsenen Vogel in der Form eines Fußballs mit Beinen darauf vor. Und dann stellen Sie sich 33 000 dieser Rechtecke nebeneinander vor. Dann umgeben Sie das Ganze mit fensterlosen Wänden und einem Dach. Dazu kommen Systeme für automatische Futterzuführung (mitsamt Medikamenten), Wasser, Heizung und Belüftung. Das ist eine Farm.“ So beschreibt der amerikanische jüdische Philosoph Jonathan Safran Foer in seinem Bestseller „Tiere essen“ die Dimension amerikanischer Geflügelmastanlagen, die pro Jahr über neun Milliarden Hähnchen produzieren. „Lassen Sie für Ihre Masthühnchen in ungefähr den ersten sieben Tagen ihres Lebens das Licht 24 Stunden am Tag an. Dann fressen sie mehr. Danach machen Sie gelegentlich das Licht aus, so dass sie am Tag vielleicht vier Stunden Dunkelheit haben – gerade genug, um nicht zu sterben. Natürlich werden Hühner verrückt, wenn sie lange unter diesen unnatürlichen Bedingungen leben müssen – das Licht, die Überfüllung, das Gewicht ihrer grotesken Körper. Normalerweise werden Masthühner schon am 42. Tag ihres Lebens geschlachtet (oder zunehmend schon am 39.), da haben sie wenigstens noch keine sozialen Hierarchien aufgebaut, deretwegen sie kämpfen müssten.“

Weltweit hat sich die Nachfrage nach Hühnerfleisch in den letzten Jahrzehnten enorm erhöht. Es gilt als gesund, fettarm und billig, weil es relativ günstig zu produzieren ist. Heute verzehrt ein durchschnittlicher Amerikaner etwa 150 Mal so viel Hühnerfleisch wie seine Großeltern vor achtzig Jahren. In Deutschland, wo die Geflügel-Branche besonders stark wächst, werden 1,7 Millionen Hühnchen pro Tag gegessen. Würden Inder und Chinesen dieselbe Menge Geflügel verspeisen wie die Amerikaner, würden sie allein so viel Geflügel verzehren wie die gesamte Welt heute.

Es liegt auf der Hand, dass diese Mengen Fleisch nicht von einigen ökologisch arbeitenden Bauernhöfen produziert werden können. Aber rechtfertigt das schon industrielle Produktionsmethoden, die unter anderem die Genetik der Tiere so verändern, dass das Muskelfleisch schneller als die Knochen wächst, so dass sich die Hühner am Ende der Mast kaum noch auf den Beinen halten können? Darf man das Sättigungsgefühl chemisch ausschalten, damit sie möglichst schnell möglichst viel fressen? Wenn ein Küken schlüpft, wiegt es etwa vierzig Gramm. Nach vierzehn Tagen hat es sein Gewicht bereits verzehnfacht. Nach einem Monat wiegt es bereits 1,6 Kilogramm. Die Gewichtszunahme eines Tiers bis zur Schlachtreife wurde in den letzten Jahrzehnten um sechzig Prozent beschleunigt, die Lebensdauer nahm dagegen im selben Zeitraum um 65 Prozent ab.

Die modernen Zuchtmethoden haben dazu geführt, dass man den Hühnern unterschiedliche Eigenschaften „einprogrammiert“. Es gibt das Masthähnchen, das besonders schnell wächst und dabei überproportional viel Brustfleisch ausbildet, und die Legehenne, die fast doppelt so viele Eier produzieren kann wie eine Artgenossin vor sechzig Jahren. In den fünfziger Jahren konnte man von einer Legehenne etwa 170 Eier pro Jahr erwarten. Heute sind es 300. Die „männlichen Geschwister“ der Hochleistungshenne sind für die Industrie nutzlos und werden an ihrem ersten Lebenstag getötet. Das sind allein in Deutschland vierzig Millionen Küken pro Jahr.

Was darf ins Futter?

Die internationale Konzentration der Tierfirmen hat zudem den Genpool, die genetische Bandbreite der Hühnerrassen, erheblich vermindert. Nur noch zwei Firmen, so berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ herrschen über die Genetik von drei Vierteln des weltweiten Mastgeflügels. Das bedeutet, dass Bauern ebenso wie Konsumenten abhängig geworden sind von sehr wenigen großen Konzernen, die den gesamten Prozess vom Ausbrüten bis zur Schlachtung und Vermarktung in ihrer Hand halten. Diese Industrialisierung hat vom klassischen Berufsbild des Bauern, der seine Tiere kennt und versorgt, wenig übriggelassen. Das ist auch gar nicht anders möglich, wenn eine einzige Arbeitskraft bis zu 100000 Hähnchen versorgen kann. Faktisch sind Geflügelbauern nichts anderes als hochspezialisierte Lohnarbeiter der Fleischindustrie. Ähnliches gilt für Rinderzüchter, Schweinemäster usw. Sie stellen lediglich den Platz zur Beherbergung zur Verfügung und wissen oft nicht einmal mehr, was sie verfüttern.

Höchstens noch zwei Drittel des zur Mast benötigten Futters wird auf eigenen Feldern produziert, schreibt die „Zeit“. Um aber ein Huhn, ein Schwein oder ein Kalb in kürzester Zeit zu mästen, braucht man spezielles energie- und eiweißreiches Hochleistungsfutter, das die Bauern zukaufen müssen. Dieses Spezialfuttermittel wiederum besteht zu einem großen Prozentsatz aus Soja, was hochproblematisch ist. Denn der Sojaanbau ist hauptverantwortlich für die Zerstörung des Amazonasregenwalds. Die Waldrodung für Sojaanbau verläuft sogar noch schneller und großflächiger als die Regenwaldzerstörung für die Schaffung von Rinderweiden, heißt es in einem Bericht des „World Wildlife Fund“. Da seit dem Rinderwahn-Skandal Anfang der neunziger Jahre kein Tiermehl mehr verfüttert werden darf, ist Soja das wichtigste Futtermittel geworden. Der weltweit steigende Fleischkonsum heizt die Nachfrage ständig an. Die Zeche zahlen unter anderem die Bauern, die Indios Lateinamerikas, die nicht selten aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben werden, weil internationale Konzerne und Großgrundbesitzer Flächen zum Sojaanbau brauchen.

Neben Soja, das häufig gentechnisch verändert angebaut wird, sind dem Futter allerlei Zusatzstoffe beigemischt, was aber oft genug „Geheimnis“ der Futtermittelhersteller bleibt, die unter einem enormen Preisdruck stehen. Zwar gibt es eine Liste, die europaweit verbietet, dass beispielsweise Kot, Urin, Gerbstoffe, Tiermehl, Siedlungsmüll und mit Holzschutzmittel behandeltes Holz ins Futter gemischt werden dürfen – allein dass dies verboten werden muss, sagt viel über die Praktiken in dieser Branche aus –, und doch gelingt es ihrer Lobby seit Jahren, eine sogenannte Positivliste zu verhindern. Eine solche Liste hätte aus Verbrauchersicht den Vorteil, dass nicht nur einzelne Stoffe verboten werden, sondern dass grundsätzlich genau festgelegt wird, was überhaupt zu Tierfutter verarbeitet werden darf. Der letzte große Futtermittelskandal entstand ja dadurch, dass ein Hersteller Industriefette, die ausschließlich zum Schmieren von Maschinen vorgesehen waren, ins Futtermittel mischte. Weil eine Tonne Fettsäure für Tierfutter doppelt so viel kostet wie eine Tonne Fettsäure, die nur für technischen Einsatz erlaubt ist, kann man durch solche Panschereien Riesengewinne erzielen.

Gepanschtes Futter ist allerdings nur ein Problem, das in der „preisbewussten“ industriellen Turbomast regelmäßig auftritt. Ein mindestens ebenso großer Skandal ist der vorbeugende Einsatz von Medikamenten. Unbestritten ist, dass Tierhaltung auf engstem Raum den Ausbruch von Seuchen und Krankheiten begünstigt, zumal dann, wenn die Tiere genetisch einheitlich „programmiert“ sind und unter Dauerstress gehalten werden. Dem versucht man durch die Gabe von Antibiotika ins Tierfutter entgegenzuwirken. Bei einer Stichprobe des niedersächsischen Amtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg 2009 beanstandeten die Kontrolleure das Futtermittel bei einem Fünftel der untersuchten 2200 Höfe. Neben Salmonellen fanden sie vor allem Penicillin. Die „Zeit“ berichtet: „Gleich 72-mal haben die Futtermitteldetektive ein Arzneimittel gegen eine Hühnerseuche entdeckt, davon 16-mal über dem Grenzwert, 48-mal haben sie unerlaubte gentechnisch veränderte Organismen aufgespürt.“

Da tröstet es wenig, dass die Dimensionen in der amerikanischen Landwirtschaft noch weitaus dramatischer sind, wie Jonathan Safran Foer beschreibt: „In den Vereinigten Staaten werden pro Jahr 1,4 Millionen Kilo Antibiotika an Menschen ausgegeben, aber unglaubliche acht Millionen Kilo an Tiere – das ist zumindest die Zahl, die von der Industrie kommuniziert wird.“ Unabhängige Wissenschaftler schätzen, dass sogar 11,2 Millionen Tonnen Antibiotika vorsorglich an Tiere verfüttert werden. Was aber passiert, wenn der Genuss von antibiotikahaltigem Fleisch dazu führt, dass beim Menschen bestimmte Antibiotika nicht mehr wirken, weil die Erreger dagegen immun geworden sind? Die Weltgesundheitsorganisation und die Weltorganisation für Tiergesundheit sehen in der Massentierhaltung und in der steigenden Nachfrage nach tierischen Produkten außerdem einen „primären Risikofaktor“ dafür, dass sich neue, vom Tier zum Menschen hin übertragbare Krankheiten epidemieartig ausbreiten könnten.

Allerdings muss man an dieser Stelle einräumen, dass die Ernährung in früheren Zeiten auch nicht besser, sondern im Durchschnitt vermutlich eher deutlich schlechter war: eintöniger, durch mangelnde Hygiene und mangelhafte Kühlsysteme öfter mit Krankheitskeimen oder – Pilzbefall verseucht, ärmer an gesunden Inhaltsstoffen. Auch sagt die Menge der gehaltenen Tiere allein noch nichts über deren Wohlbefinden aus. Tieren, die früher im dunklen, finsteren und oftmals nassen Stall festgebunden waren, ging es nicht besser als ihren heutigen Artgenossen. Und Studien von Agrarwissenschaftlern an verschiedenen europäischen Universitäten haben ergeben, dass Bio-Produkte im Hinblick auf Pestizid-Rückstände zwar regelmäßig besser abschneiden als konventionell erzeugte Ware. Auf der anderen Seite entdeckten Tester in Bio-Produkten häufiger Bakterien und Pilze, weil bei der Herstellung beispielsweise auf Konservierungsstoffe verzichtet wird.

Der entscheidende Vergleichspunkt ist freilich ein anderer: Der Ökolandbau bewirtschaftet seine Flächen schonender und setzt dem Grundwasser weniger zu. Eine ökologische Tierhaltung verzichtet – sei es aus Überzeugung, sei es, weil sie für ihre Erzeugnisse mehr Geld verlangen kann – auf qualvolle Mastmethoden und genetische Manipulationen, auch wenn eine Öko-Kuh ebenfalls viel Milch geben und ein Öko-Huhn ebenfalls viele Eier legen muss. Bauern, die gerne umsteigen würden, fürchten jedoch zu Recht, dass die Mehrzahl der Verbraucher nicht bereit ist, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben.

Tatsache ist, dass sehr viele Menschen inzwischen zu fett, zu salzig und zu süß essen. Statistisch gesehen, verzehrt ein Bürger in Deutschland gut neunzig Kilo Fleisch im Jahr. Die Bevölkerung sei – vielleicht durch die Hungererfahrungen im letzten Weltkrieg, vor allem aber durch Preisdumping und künstlich niedrig gehaltene Fleischpreise – „auf Fleischfresser umdressiert worden“, beklagt der Münsteraner Theologe und Biologe Ulrich Lüke. Der Traum vom Schlaraffenland, wo dem Bürger die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, ist durch die im Vergleich zu früheren Zeiten unvorstellbar billigen Fleischpreise wahr geworden. Doch er entwickelt sich zunehmend zum Alptraum. Man schätzt, dass durch die Behandlung von Krankheiten, die wesentlich durch falsche Ernährung mitverursacht werden, allein in Deutschland Kosten von jährlich siebzig Milliarden Euro entstehen.

Schlimmer noch sind die globalen Folgen eines ständig steigenden Fleischkonsums. Energieproduktion, Industrie und Landwirtschaft setzen die meisten Treibhausgase frei. Die Tierhaltung macht allein 18 Prozent aus, das ist mehr als der gesamte Transportsektor – Autos, Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe – erzeugt. Für die industrielle Produktion von Fleisch brauchen wir immer mehr Bodenfläche für die Futterherstellung im außereuropäischen Ausland. Weniger als die Hälfte der Weltgetreideproduktion dient heute noch unmittelbar der menschlichen Ernährung. Die Herstellung von Tierfutter, von Agrarsprit oder von Stoffen zur industriellen Verwendung beansprucht mittlerweile einen Großteil der Ernte. Gleichzeitig leiden mehr Menschen an Überernährung als an Unterernährung. Hinzu kommt eine skandalöse Verschwendung von Lebensmitteln in Industriestaaten. Fast ein Drittel der Nahrungsmittel landet auf dem Müll, berichtete vor kurzem die Katholische Nachrichten-Agentur.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von heute 6,5 Milliarden auf 9,2 Milliarden ansteigen. Wie kann man diese Menge ernähren? Es gibt zwei Modelle, über die leidenschaftlich gestritten wird. Das erste sieht, grob gesagt, eine Übertragung westlicher Methoden auf die Landwirtschaft der Dritten Welt vor. Mit Hilfe von Gentechnik und Konzentrationsprozessen in Viehzucht und Ackerbau hofft man, die landwirtschaftliche Produktion weltweit um siebzig Prozent steigern zu können. Solche Raten sind nach Berechnungen der Vereinten Nationen notwendig, um die Menschheit auch in vierzig Jahren noch ernähren zu können. Optimisten träumen sogar davon, dass es gelingen könnte, mithilfe der Gentechnik das Schmerzempfinden von Tieren auszuschalten und auf diese Weise das Problem des tierischen Leidens grundsätzlich zu lösen. In dieselbe Richtung, allerdings noch kühner, gehen wissenschaftliche Projekte, Fleisch direkt aus tierischen Stammzellen zu züchten. Für das Schnitzel bräuchte man dann kein Schwein mehr, sondern nur noch eine Petrischale.

Das zweite Modell argumentiert genau andersherum. Nur eine Stärkung der lokalen, kleinteiligen Landwirtschaft könne den Hunger wirkungsvoll bekämpfen. Das meint zum Beispiel ein gemeinsames Dokument des katholischen Hilfswerks „Misereor“ und der Heinrich-Böll-Stiftung. Faktenreich wird darin begründet, warum es nicht möglich ist, die „Erfolgsmodelle“ der hoch industrialisierten Landwirtschaft einfach zu übertragen. Allerdings würde dieser Vorschlag nur funktionieren, wenn es in den reichen Ländern zu einem Umdenken in der Landwirtschaftspolitik käme, was wiederum eine deutliche Verringerung des Fleischkonsums voraussetzen würde.

Ein Selbstversuch

Wie schwierig eine Ernährung ist, die sich nicht allein vom Appetit, sondern von moralischen Überzeugungen leiten lässt, zeigt auf humorvoll-hintergründige Weise das Buch „Anständig essen“ von Karen Duve. Die Schriftstellerin erzählt von einem Selbstversuch, bei dem sie alle zwei Monate ihre Ernährung umstellt. Zunächst verzichtet sie auf konventionell erzeugte Lebensmittel und isst ausschließlich Bio-Produkte, dann ernährt sie sich vegetarisch, anschließend vermeidet sie zusätzlich noch tierische Produkte wie Milch und Eier (im Fachbegriff: vegane Ernährung), und schließlich isst sie nur noch das, was die Natur von sich aus als Überfluss abgibt, aber nicht das Leben der Pflanze beendet: Samen und Früchte. Witzig und wahrhaftig sind vor allem jene Passagen, in denen sie über den Widerspruch zwischen Tierliebe und Appetit philosophiert und zwischen strenger Essmoral und der mit einem guten Essen verbundenen Lebenslust hin- und hergerissen wird. „Allmählich verstehe ich, warum so viele Menschen das Denken verweigern und gar nicht erst wissen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen“, notiert Duve zum Schluss ihres einjährigen Selbstversuchs. Denn das Wissen um die „Vorgeschichte“ eines Mahls kann den Genuss nachhaltig verderben. Was also tun?

Duves Selbstversuch ist nicht religiös motiviert. Dennoch formuliert sie am Ende ihres Buchs Einsichten, die den Religionen intuitiv immer schon bewusst waren: Wir können nicht leben, ohne zu töten und zu zerstören. Und deshalb gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Essen und Schuldigwerden. Geradezu skrupulös sind beispielsweise die Schlacht-Vorschriften im orthodoxen Judentum, das ein tief verwurzeltes Barmherzigkeitsverhältnis zum Tier kennt (vgl. Spr. 12,10). „Für die hebräische Tradition ist es typisch, dass man zwar durchaus Tiere isst, aber dieses Tieressen als einen Gottesdienst betrachtet“, erklärte der Altphilologe und Religionswissenschaftler Walter Burkert in der „Süddeutschen Zeitung“. Allgemeiner formuliert heißt das: Man braucht Gott oder die Götter zur Legitimation des Fleischessens.

Im Christentum wiederum steht ein heiliges Mahl im Zentrum des Heilsgeschehens, in dem – im Unterschied zu unserem alltäglichen Essen – die tödliche Vorgeschichte und das Opfer ausführlich mitbedacht werden. „Man wird ungern daran erinnert, dass Jesus im Abendmahl auch das zur Schlachtbank geführte Paschalamm ist und geopfert wird …; dass der rote Wein die Farbe seines Blutes trägt …; dass das Brechen oder Abschneiden des Brotes den Opfermord am Gottessohn bedeutet …; dass in der fast schon immateriellen Oblate die oblatio, das ‚zum Opfer Dargebrachte‘, steckt“, schreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in dem Sammelband „Leben. Töten. Essen“ (Stuttgart 2000).

Beiden Traditionen ist gemeinsam, dass Geschichten erzählt werden, die das Mahl in den größeren Zusammenhang von Schöpfung, Schuld und Erlösung, Leben und Tod stellen. Das Leben beruht auf der vernichtenden Umwandlung von Substanzen in „Lebensstoff“. Und dieses Einverleiben des Lebensstoffes ist ein religiöser Akt, der Ehrfurcht, Demut, Dankbarkeit und Maßhalten sowie Zeiten der Askese verlangt.

„Es war Gott nicht genug, unser Bruder zu werden, er wollte auch unsere Speise werden“, schrieb der Mystiker Johannes Tauler (1300–1361). Die eucharistische Speise ist aber kein einseitiger Prozess des Konsumierens, sondern begründet einen einzigartigen wechselseitigen geistig-leibhaftigen Verwandlungsprozess. „Wenn wir Gott essen, so werden wir von ihm gegessen, so isst er uns“, formulierte Bernhard von Clairvaux.

Wir werden verwandelt durch das, was wir zu unserem Fleisch machen. Das gilt analog auch für eine profane Mahlzeit. Ein Stück Fleisch ist nicht nur eine bestimmte Menge von Eiweiß und Fett, sondern es ist gentechnisch manipuliert oder nicht, hat mehr oder weniger viele Kilometer Transport hinter sich, stammt von einem Tier, das gequält wurde, oder nicht, wird auf eine aufmerksame, energiesparende und gesunde Art zubereitet – oder eben nicht. Jede dieser Dimensionen wird mitverzehrt und macht einen Unterschied: ökologisch, sozial, politisch und religiös.

Was fangen wir an mit der Kraft, die uns aus der Speise erwächst, für die ein Tier geschlachtet wurde? Ein Lamm, schreibt der Kulturphilosoph Klaus-Michael Meyer-Abich, hat „das in die Welt gebracht, wofür ein Lamm seiner Natur nach gut ist … Wir sind also ihm im Ganzen der Natur schuldig, mit seiner Kraft unserer Natur nach das anzufangen, wofür ein Mensch gut ist.“ Und das ist: im weitesten Sinn Kultur in die Welt zu bringen und Verantwortung zu übernehmen.

Weiterführende Literatur:

Jonathan Safran Foer
Tiere essen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 400 S., 19,90 €

Karen Duve
Anständig essen. Ein Selbstversuch
Galiani, Berlin 2011, 335 S., 18,95 €

Aus der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART, Nr. 18/2011, Freiburg i. Br.,

Trailer: Du bist was du isst

22. November 2011

 

 

Am 16. und 17. September fand in Berlin der 12. Deutsche Medizinrechtstag statt unter dem Thema “Recht statt Vertrauen –
Patientenrecht, EU-Richtlinie und die Praxis”.

Die Vorträge können hier herunter geladen werden:

Link zum Downloadbereich der Vorträge

 

ScienceDaily (Oct. 21, 2011) — Health prevention strategies to help Canadians achieve their optimal health potential could add a decade or more of healthy years to the average lifespan and save the economy billions of dollars as a result of reduced cardiovascular disease, says noted cardiologist Dr. Clyde Yancy.

Dr. Yancy, who will deliver the Heart and Stroke Foundation of Canada Lecture at the opening ceremonies of the Canadian Cardiovascular Congress in Vancouver on October 23, will tell delegates that people who follow seven simple steps to a healthy life can expect to live an additional 40 to 50 years after the age of 50.

„Achieving these seven simple lifestyle factors gives people a 90 per cent chance of living to the age of 90 or 100, free of not only heart disease and stroke but from a number of other chronic illnesses including cancer,“ says Dr. Yancy, a professor of medicine and chief of cardiology at the Northwestern University’s Feinberg School of Medicine. He is also the past-president of the American Heart Association.

„By following these steps, we can compress life-threatening disease into the final stages of life and maintain quality of life for the longest possible time.“ He predicts that, if we act now, we can reverse the tide by 2020.

According to the Heart and Stroke Foundation, every year in Canada about 250,000 potential years of life are lost due to heart disease and stroke, which are two of the three leading causes of death in Canada.

Canadians can achieve optimal health, says Dr. Yancy, by following these steps:

1. GET ACTIVE: Inactivity can shave almost four years off a person’s expected lifespan. People who are physically inactive are twice as likely to be at risk for heart disease or stroke.

2. KNOW AND CONTROL CHOLESTEROL LEVELS: Almost 40 per cent of Canadian adults have high blood cholesterol, which can lead to the build up of fatty deposits in your arteries − increasing your risk for heart disease and stroke.

3. FOLLOW A HEALTHY DIET: Healthy eating is one of the most important things you can do to improve your health — yet about half of Canadians don’t meet the healthy eating recommendations.

4. KNOW AND CONTROL BLOOD PRESSURE: High blood pressure − often called a ‘silent killer’ because it has no warning signs or symptoms − affects one in five Canadians. By knowing and controlling your blood pressure, you can cut your risk of stroke by up to 40 per cent and the risk of heart attack by up to 25 per cent.

5. ACHIEVE AND MAINTAIN A HEALTHY WEIGHT: Almost 60 per cent of Canadian adults are either overweight or obese − major risk factors for heart disease and stroke. Being obese can reduce your life span by almost four years.

6. MANAGE DIABETES: By 2016 an estimated 2.4 million Canadians will live with diabetes.Diabetes increases the risk of high blood pressure, atherosclerosis (narrowing of the arteries), coronary artery disease, and stroke, particularly if your blood sugar levels are poorly controlled.

7. BE TOBACCO FREE: More than 37,000 Canadians die prematurely each year due to tobacco use, and thousands of non-smokers die each year from exposure to second-hand smoke. As soon as you become smoke-free, your risk of heart disease and stroke begins to decrease. After 15 years ,your risk will be nearly that of a non-smoker.

A call for focused prevention strategies

While this goal of optimal health has been achieved by fewer than 10 per cent of the population, „it demonstrates the striking potential that prevention has if it is broadly embraced,“ says Dr. Yancy. „We know how to prevent heart disease and stroke — we now need to build the tools to empower our citizens to manage their risk and prevent heart disease.“

Dr. Yancy calls on governments to invest in steady and focused prevention strategies. He says that necessary initiatives include a change in current sodium policies, continued progress in tobacco control initiatives, increased green space, and health education.

„Healthy living is key to preventing heart disease and stroke,“ says Bobbe Wood, president of the Heart and Stroke Foundation of Canada. „The Foundation is committed to raising awareness about heart health and to promoting public policies that facilitate healthy lifestyles and communities.“

She says that the Foundation will continue to build on partnerships and policies that have led to a significant reduction of trans fats in the Canadian food supply; stronger tobacco control initiatives; healthy community design; and a continued reduction in the amount of salt in our food products, which has been achieved in part through Health Check™, the Foundation’s flagship food information program.

Dr. Yancy adds that improved access to health care that focuses on prevention and control of important risk factors including high blood pressure, high cholesterol and diabetes is also key.

Raising the alarm over looming costs of treating heart disease

Dr. Yancy will also raise the alarm over the looming cost of treating heart disease now and in the future.

With predictions that the direct medical cost of treating heart disease in the U.S. alone could climb to $818 billion in 2030, he says there is a health and economic imperative for governments and societies around the world to embrace prevention strategies.

Heart disease and stroke cost the Canadian economy more than $20.9 billion every year in physician services, hospital costs, lost wages and decreased productivity.

„The opportunity for prevention is not an unrealistic expectation,“ says Dr. Yancy. „Over the past 40 years the rates of heart disease and stroke have steadily declined.“ The rate has declined in Canada by 70 per cent since the mid-1950s. In the last decade alone, the rate has declined by 25 per cent.

Unfortunately, says Dr. Yancy, these benefits may be short-lived if the burden of risk, specifically obesity and diabetes, continues to grow, especially in children. „We need to act now.“


Story Source:

The above story is reprinted from materials provided by Heart and Stroke Foundation of Canada.

Note: ScienceDaily reserves the right to edit materials for content and length. For further information, please contact the source cited above.


Note: If no author is given, the source is cited instead.

Disclaimer: This article is not intended to provide medical advice, diagnosis or treatment. Views expressed here do not necessarily reflect those of ScienceDaily or its staff.

 

Die Stiftung Gesundheit schreibt den Publizistik-Preis 2012 aus. Die Auszeichnung gilt hervorragenden Veröffentlichungen, die gesundheitliches Wissen für Publikum und Patienten anschaulich vermitteln und Zusammenhänge transparent darstellen. Der Publizistik-Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.

Für den Publizistik-Preis 2012 können Beiträge eingereicht werden, die im Jahr 2011 erschienen sind: Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Radio- und TV-Beiträge, Multimedia- und Internet-Angebote, Bücher oder das Gesamtwerk von Publizisten.

Die Ausschreibungsfrist endet am 13. Januar 2012. Die Bewerbungsunterlagen finden Sie ab sofort unter:

www.stiftung-gesundheit.de/pdf/publizistik-preis/Ausschreibungsunterlagen_pub-preis_2012.pdf

Rückschau:

Im Jahr 2011 ging der Publizistik-Preis an Dr. Pia Heinemann für ihren Artikel „Aspirin – eine gegen alles?“ aus der Welt am Sonntag sowie an Iris Gesang für ihren Fernsehbeitrag „Mein Leben als Stotterer“ aus der Sendung „Galileo“, Pro7.

Alle Preisträger der vergangenen Jahre finden Sie hier:

www.stiftung-gesundheit.de/publizistik-preis/publizistik-preis.htm

Mehr zum Publizistik-Preis lesen Sie auch im Blog der Stiftung Gesundheit:

www.stiftung-gesundheit-blog.de/kategorien/medizinjournalismus

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